{"id":135,"date":"2015-01-20T09:55:13","date_gmt":"2015-01-20T09:55:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=135"},"modified":"2015-01-21T10:09:30","modified_gmt":"2015-01-21T10:09:30","slug":"von-der-freude-am-fuhren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=135","title":{"rendered":"Von der Freude am F\u00fchren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-127\" src=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek-212x300.jpg\" alt=\"Speibl&amp;Hurvinek\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek-724x1024.jpg 724w\" sizes=\"(max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Mein Dejavue mit Spejbl und Hurvinek in der URANIA<\/strong><\/p>\n<p>Wer wie ich als Kind w\u00e4hrend der 60er Jahre in beiden Teilen Deutschlands unterwegs war, kann sich f\u00fcr den Rest seines Lebens gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Schon deswegen, weil man im Idealfall das Beste aus zwei sehr unterschiedlichen Welten mit bekam. In Sachen Entertainment \u00fcberzeugte beispielsweise die Hardware aus dem Westen, w\u00e4hrend die in kultureller Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnlich hochwertige Software oft aus dem Osten kam, um anschlie\u00dfend im befreiten Sektor wertgesch\u00e4tzt zu werden.<\/p>\n<p>Konkret hie\u00df unsere Playstation Schneewittchensarg und Kids waren &#8222;cool&#8220;, sobald sie in der Lage waren, so eine Mordsanlage eigenverantwortlich bedienen zu k\u00f6nnen. Statt Tausende von Tontr\u00e4gern auf diversen Festplatten zu speichern, hatte jeder von uns ein gutes Dutzend feste Lieblingsplatten. Die ETERNA Platte mit den Stimmen von zwei im Ostblock t\u00e4tigen Freaks mit au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfen Ohren geh\u00f6rte dazu. Sie steckte in einem sehr schlicht gestalteten Cover auf dem &#8222;Spejbl und Hurvinek&#8220; zu lesen war. Meine Geschwister und ich haben sie alle paar Wochen aufgelegt und uns jedes Mal aufs Neue weggelacht. Verdammt lang her.<\/p>\n<p>Danach habe ich mehr als drei\u00dfig Jahre nichts mehr von den beiden geh\u00f6rt. Allerdings bin ich mir im Nachhinein absolut sicher, dass ich sie auf Anhieb wiedererkannt h\u00e4tte. Allein  der Ohren wegen. Dass der Sohn von Joseph Spejbl, also der Hurvinek schon damals eine Freundin namens M\u00e1nicka hatte, ihre Oma Katerina hie\u00df und ein gewisser Jerry beiden gehorchte, weil er ihr Hund war, hat mir mein Ged\u00e4chtnis zwischenzeitlich komplett durchgehen lassen.<\/p>\n<p>Vorvorgestern kam es dann nicht nur zu einem Wiederh\u00f6ren, sondern zu meiner ersten Begegnung mit den weltber\u00fchmten Marionetten des tschechischen Puppenspielers Josef Skupa auf der gro\u00dfen B\u00fchne der Berliner URANIA. Ein Umstand, den ich urs\u00e4chlich meinem Sohn Felix verdanke.<br \/>\nAm Mittwochnachmittag der vergangenen Woche waren wir gerade dabei, die Grunewaldschule zu verlassen, als ich die Helden meiner Kindheit im Flur h\u00e4ngend erblickte und ihm die rhetorische Frage stellte, ob er die beiden Typen mit den gigantischen Ohren auf dem Poster da dr\u00fcben schon mal irgendwo gesehen h\u00e4tte. Die erwartete Antwort kam in Form eines Kopfsch\u00fcttelns, w\u00e4hrend ich meinen Arm ausstreckte, um mir per iPhone ein genaues Bild von allem zu machen.<\/p>\n<p>Dass die Vorstellung eventuell erst um 20 Uhr beginnen w\u00fcrde war mir genau so schnuppe wie die Tatsache, dass Felix das empfohlene Mindestalter von 12 Jahren um drei Jahre nach unten verfehlen w\u00fcrde. &#8222;Passt schon&#8220; murmelte ich und versuchte vergeblich mir mein Alter beim Erstkontakt in Erinnerung zu rufen. Auch hoffte ich inst\u00e4ndig, dass ich diesmal mehr Fortune haben w\u00fcrde als es beim letzten &#8222;Let me entertain you&#8220; Versuch an Sylvester der Fall war. Denn nach einem relativ souver\u00e4nen Start mit dem &#8222;Diner for One&#8220; musste ich wenig sp\u00e4ter &#8211; nach gerade mal drei\u00dfig Minuten Laufzeit der Feuerzangenbowle &#8211; einigerma\u00dfen frustriert einsehen, dass weder ein vertrottelter Pauker mit Dampfmaschine noch der von Heinz R\u00fchmann verk\u00f6rperte \u201ePfeiffer mit drei f\u201c ausreichten, um meinem 2005 geborenen Penn\u00e4ler in spe auch nur ein m\u00fcdes Grinsen oder wenigstens ein anerkennendes &#8222;krass&#8220; entlocken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da eine der insgesamt vier Vorstellungen noch nicht ganz ausverkauft war, hatten wir Gl\u00fcck. Ich organisierte zwei Karten f\u00fcr die Sp\u00e4tvorstellung am folgenden Samstag. Zwei Tage sp\u00e4ter sa\u00dfen wir mit dem R\u00fccken zur Wand im Humboldt-Saal und ich war mindestens so gespannt wie mein Sohn. Dessen aktuell gr\u00f6\u00dfte Sorge war es, wom\u00f6glich &#8222;gleich nichts sehen zu k\u00f6nnen, wenn die vor uns doch noch kommen&#8220;. Ich betrachtete die Szene wachstumsbedingt zwar von h\u00f6herem Niveau aus, bereute aber aufgrund der respektablen Entfernung zur B\u00fchne kein Operglas dabei zu haben und ertappte mich dabei, \u00fcber &#8222;pro&#8220; und &#8222;contra&#8220; einer Augenoperation nachzudenken. &#8222;Felix, der Ton macht hier die Musik&#8220;, h\u00f6rte ich mich in dem Augenblick sagen als die bis dahin direkt vor uns frei gebliebenen Pl\u00e4tze doch noch ihre Besetzer fanden. Zwei wahre Riesen lie\u00dfen sich nieder und nur das &#8222;Gl\u00fcck der letzten Reihe&#8220; verhinderte den R\u00fccksturz vom Multimediaspektakel zum schn\u00f6den H\u00f6rspiel. Also nahmen wir auf den hochgeklappten Lehnen &#8222;Platz&#8220;, da wir ja auf niemanden hinter uns R\u00fccksicht nehmen mussten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-128\" src=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek2-300x230.jpg\" alt=\"Speibl&amp;Hurvinek2\" width=\"300\" height=\"230\" srcset=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek2-300x230.jpg 300w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek2-1024x787.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Um es vorwegzunehmen: Selbst wenn wir nichts gesehen h\u00e4tten, w\u00e4ren wir dennoch auf unsere Kosten gekommen! Die Kombination aus allwissendem, dozierenden Vater und provokant nachfragendem, wortgewitzten Sohn funktionierte damals schon und verf\u00e4ngt auch noch heute. Faszinierend wie Martin Kl\u00e1sek Spejbl und Hurvinek seine Stimme leiht, w\u00e4hrend Helena St\u00e1chov\u00e1 kongenial Hurvineks Freundin M\u00e1nicka und Gro\u00dfmutter Katerina Geh\u00f6r verschafft. Das visuelle Erleben erg\u00e4nzte dieses leider endliche Vergn\u00fcgen zus\u00e4tzlich. So lie\u00dfen uns die virtuosen Strippenzieher im Halbdunkeln manchmal fast vergessen, dass die Stars des Abends aus schlichtem Holz geschnitzt sind.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr, dass die Dialoge abwechslungsreich r\u00fcberkamen und weder aufgesetzt noch erm\u00fcdend wirkten, sorgten gut getimte Pointen. Mal n\u00fcchtern ironisch dann wieder albern sarkastisch vorgetragen, nahmen sie Dinge aufs Korn, die offensichtlich  Unsinn sind, aber f\u00fcr viele unter uns normal geworden sind. Auch erfuhren wir, dass der Plural von &#8222;Lebensgefahr&#8220; &#8222;Lebensgef\u00e4hrten&#8220; hei\u00dft und warum an der Liebe zu dritt besonders Rechtsanw\u00e4lte Gefallen finden. Logisch, dass mein Filius nicht alle Doppeldeutigkeiten und Wortspielereien nachvollziehen konnte. Aber im Gegensatz zu den per TV oder Radio tagt\u00e4glich vermittelten Geschmacklosigkeiten, die uns Erziehenden hin und wieder die Schamesr\u00f6te ins Gesicht treiben, hatte das Fremdsch\u00e4men vor dem Nachwuchs hier keine Chance. Stattdessen gab es einfache, aber sehr humorvolle Ratschl\u00e4ge f\u00fcr die Stressbew\u00e4ltigung im Schulalltag. &#8222;Kann man eigentlich f\u00fcr etwas bestraft werden, das man gar nicht gemacht hat?&#8220; fragte der meist komplett schmerzbefreite Hurvinek einmal die naive M\u00e1nicka. &#8222;Sicher nicht&#8220;, erwiderte diese treuherzig und lieferte ihm prompt das willkommene Argument daf\u00fcr, in der Schule faul sein zu k\u00f6nnen, ohne eine Strafe f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Klar, dass sich mein Sohn diesen Spa\u00df merkt!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-129\" src=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek3-300x227.jpg\" alt=\"Speibl&amp;Hurvinek3\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek3-300x227.jpg 300w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/SpeiblHurvinek3.jpg 965w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kurz vor Schluss erf\u00e4hert dieses ungew\u00f6hnliche Puppenspiel dann noch eine gesellschaftspolitisch interessante Wendung. V\u00f6llig \u00fcberraschend geraten Vater und Sohn in eine mittelschwere Sinnkrise. Sie verfluchen ihre einseitige &#8222;Abh\u00e4ngigkeit&#8220;, beklagen, dass sie der &#8222;F\u00fchrungsebene&#8220; hilflos ausgeliefert sind und m\u00fcssen erkennen, dass sie nur Marionetten eines Systems sind und als Holzk\u00f6pfe kein Selbstbestimmungsrecht genie\u00dfen. Sie schauen nach oben zu den Menschen, die sie wie Puppen ganz nach Lust und Laune tanzen lassen. Wurde eben noch gelacht und gescherzt, wird es jetzt merklich stiller im Auditorium. Zu stimmig sind die offenkundigen Parallelen zwischen Spiel und Wirklichkeit. &#8222;Wer nicht mitzieht oder sich in Widerspr\u00fcchen verheddert&#8220;, gibt Spejbl seinem Sohn in ungewohnt melancholischer Tonlage zu verstehen, &#8222;wird heutzutage schneller fallen gelassen und gnadenlos abgeh\u00e4ngt&#8220;. Daher sei es wichtig auf dem rechten Weg zu bleiben doziert er, um den folgenden Abgang der Generationen im milit\u00e4risch inszenierten Rechts-Links-Rhythmus zu absolvieren. Ein Schelm, der B\u00f6ses dabei denkt.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4llt der Vorhang. Lang anhaltender, gro\u00dfer Beifall brandet auf bevor die herrlich verr\u00fcckte Zugabe in Form einer Rotk\u00e4ppchengroteske endg\u00fcltig eine Vorstellung beendet, wie wir sie uns sch\u00f6ner nicht h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Dejavue mit Spejbl und Hurvinek in der URANIA Wer wie ich als Kind w\u00e4hrend der 60er Jahre in beiden Teilen Deutschlands unterwegs war, kann sich f\u00fcr den Rest seines Lebens gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Schon deswegen, weil man im Idealfall das Beste aus zwei sehr unterschiedlichen Welten mit bekam. 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