{"id":189,"date":"2015-02-17T13:21:54","date_gmt":"2015-02-17T13:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=189"},"modified":"2015-02-17T13:21:54","modified_gmt":"2015-02-17T13:21:54","slug":"roter-teufel-letzter-teil-mein-leben-zwischen-himmel-und-holle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=189","title":{"rendered":"Roter Teufel (Letzter Teil) \u2013 Mein Leben zwischen Himmel und H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<div class=\"column\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-192\" src=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1-300x199.jpg\" alt=\"DSC_7960-1\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1-220x146.jpg 220w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1-340x226.jpg 340w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_7960-1.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Wa\u0308hrend sich die anderen weit unten formieren, fahren wir gegen 17 Uhr mit der Hahnenkammbahn auffi. Der Zufall will es, dass ich zusammen mit einem jungen englischen Erstspringer namens Bruno die Toni Sailer Gondel mit der Nr. 1 erwische. Wir betrachten das als gutes Omen. Oben angekommen geht\u2019s in die Hockeckhu\u0308tte, die sich etwas versteckt wenige Meter oberhalb der Mausefalle befindet. Man hat von dort eine faszinierende Aussicht auf das tief unten glitzernde Kitzbu\u0308hel. Der Besitzer Hocheck-Peter und sein kongenialer Maitre de Plaisier Franz verstehen sich auf eine Gastlichkeit, wie sie nur noch selten anzutreffen ist. Wer nicht gerade am Horn oder in Passthurn unterwegs ist, nimmt seine Jause am liebsten dort zu sich. Doch an diesem Abend haben die meisten keinen gro\u00dfen Appetit. Ich wa\u0308hle eine Gulaschsuppe und trinke ein Radler. Daniel Cheffi Scheffknecht, ein junger muskelbepackter Rennla\u0308ufer aus Tirol, beka\u0308mpft die aufkommende Nervosita\u0308t mit einer Halben und Obstler.<\/p>\n<p>Gegen 18 Uhr kommt das Kommando zum Aufbruch. Drau\u00dfen ist es stockdunkel und eine Nebeldecke macht das Tal unsichtbar. Wa\u0308hrend ich noch daru\u0308ber nachdenke, wie wir die zwei Kilometer bis zur Fackelausgabe in der Finsternis wohl bewa\u0308ltigen werden, geht es schon los. In kurzen Absta\u0308nden fegen wir mit Carvingschwu\u0308ngen ohne Sto\u0308cke die erste Teilstrecke hinunter. Andi fa\u0308hrt voraus. Er kennt die Strecke blind. Ich bin hin und weg, gehe tief in die Knie und empfinde eine nie erlebte Euphorie. Wenn es beim Tauchen einen Tiefenrausch gibt, dann ist das hier definitiv der Ho\u0308henrausch! Zum Glu\u0308ck sind die Schneeverha\u0308ltnisse optimal. Die Kanten greifen, die Piste ist perfekt pra\u0308pariert und alles geht gut. Kurz nach Durchsto\u00dfen der Nebeldecke kommen wir in einem Steilhang am Waldesrand zum Stillstand. Ich keuche und kann kaum glauben, wie wir gerade quasi blindlings abbi gefahren sind. Tief unten sehen wir die Lichter im Zielraum und nehmen den La\u0308rm der<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 13\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Menschen nur als undefinierbares Rauschen wahr. Andi verteilt die Fackeln und erkla\u0308rt das Procedere. Nach Entzu\u0308nden der Fackeln sollen wir mo\u0308glichst synchron hinab schwingen bis wir an einer hell erleuchteten Stelle in Schleichfahrt die Fackel abwerfen mu\u0308ssen, um direkt darauf nonstop den Runway Richtung Rampe anzusteuern. Jetzt packt mich die Angst. War ich doch fest davon ausgegangen, dass wir vor dem Sprung noch einmal abschwingen und Atem holen du\u0308rfen. Viele von uns steigen aus der Bindung und produzieren Yellow Snow. Manche sind stumm, andere rei\u00dfen Witze oder nesteln nervo\u0308s an den Schnallen ihrer Schuhe herum. Zu allem U\u0308berfluss klingelt mein Handy. Nervo\u0308s fingere ich es aus der linken Brusttasche und ho\u0308re die Stimme meines guten Freundes Richi, der mir Neujahrsgru\u0308\u00dfe aus Berlin u\u0308bermitteln will. Ich erkla\u0308re ihm mit wenigen Worten und heiserer Stimme, dass ich mitten auf der Streif stehe gleich durchs Feuer hupfen werde. Er ist auch begeisterter Skifahrer und checkt die Situation sofort. Er wu\u0308nscht mir viel Glu\u0308ck und ich spu\u0308re, wie gerne er jetzt dabei wa\u0308re.<\/p>\n<p>Die Zeit zieht sich. Immer wieder schnarrt die Stimme von Ernst aus dem Funkgera\u0308t. Er steht unten und koordiniert das Geschehen, wa\u0308hrend ein Moderator die Stimmung der Massen anheizt. Noch fu\u0308nf Minuten. Fertigmachen zur Feuerfahrt. Doch bevor Andi die Fackeln per Gaskartusche entzu\u0308ndet, entnimmt er seinem Rucksack noch 17 kleine Fla\u0308schchen Ja\u0308germeister und verteilt sie. Nach einem dreifach bru\u0308llenden Skiheil kippen wir sie eini. Ich bekomme eine respektable Ga\u0308nsehaut und spu\u0308re die Einmaligkeit dieses Moments.<\/p>\n<p>Dann geht alles sehr schnell. Alle Fackeln funktionieren und wir setzen uns hochkonzentriert in Bewegung. Ich fu\u0308hle mich besser, da die Fackeln die Szenerie gespenstisch erleuchten und man jetzt wenigstens einigerma\u00dfen sehen kann, wohin man fa\u0308hrt. Fu\u0308nf rote Teufel schwingen vor mir und elf habe ich im Ru\u0308cken. 200 Meter tiefer haut es den vor mir fahrenden Kollegen aus den Skiern. Ich ho\u0308re das Klicken der auslo\u0308senden Bindungen, wa\u0308hrend ich an dem Stu\u0308rzenden vorbeidrifte. Die Fackelabwurfstelle kommt in Sichtweite und der La\u0308rm der Zuschauer im Zielraum schwillt an. Wie automatisch lasse ich die Fackel fallen, schwinge ein letztes Mal und schie\u00dfe in Falllinie auf die rechts und links durch Fackeltra\u0308ger erleuchtete Runway zu. Was fu\u0308r ein Bild. Rudi Sailer hatte Recht. Man sieht wirklich nur das lodernde Feuer und kann die Rampe nur erahnen. Ein paar Sekunden spa\u0308ter springe ich durch die mannshohen Flammen und lande sicher unter dem Jubel der Zuschauer, die sich dicht hinter den Absperrungen dra\u0308ngen. Sofort gehe ich in die Hocke und beobachte fasziniert die in schneller Abfolge springenden Kollegen. Einige von ihnen setzen noch eins drauf. Sie rei\u00dfen im Sprung ihre Ski auseinander oder drehen sich vor der Landung noch einmal um die eigene Achse. Einem Snowboarder der Roten Teufel wird ob seiner artistischen Einlage besonderer Applaus zuteil.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 14\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ich glu\u0308he, und meine Herz pocht immer noch wie wild. Glu\u0308ckshormone u\u0308berschwemmen meinen Ko\u0308rper. Sogar dem zwischenzeitlich gestu\u0308rzten Roten Teufel gelingt sein Sprung, wenn auch mit einiger Verspa\u0308tung. Alle sind durchgekommen und kein Hupfer ist gegrillt worden. Das anschlie\u00dfende, ungefa\u0308hr 20 Minuten wa\u0308hrende und mit Musik untermalte phantastische Feuerwerk, erlebe ich wie in Trance. Jetzt bin ich wirklich ein Roter Teufel und schwo\u0308re mir, dass ich am ersten Ja\u0308nner 2011 wieder dabei bin. So wahr mir Gott helfe.<\/p>\n<p>Apropos Gott. Wer heute als Ski- oder Snowboardlehrer in den touristischen Hochburgen der Alpen diese Hochrisikosportarten betreibt, braucht einen guten Schutzengel. Denn wa\u0308hrend sich der durchschnittliche Skitourist nur ein paar Tage auf den Pisten bewegt, mu\u0308ssen wir jeden Tag ran. Bei einer solchen Verweildauer auf oft u\u0308berfu\u0308llten Pisten kommt es bei einigen von uns fru\u0308her oder spa\u0308ter zum Crash. Viele verzichten zudem schon mal auf den freien Tag pro Woche und arbeiten in den zwei hoch frequentierten Monaten Januar und Februar durch. Wir kennen weder hitze- noch ka\u0308ltefrei und fahren immer. Ob \u0301s stu\u0308rmt, schneit, friert, hagelt oder regnet. Bei schlechter und bei bester Sicht. U\u0308brigens ist Letzteres gefa\u0308hrlicher. Denn, wenn die Sonne besonders brennt, brennen bei vielen Touristen die letzten Sicherungen durch. Vermeintlich geschu\u0308tzt durch Helm und Protektoren an Ru\u0308cken, Brust, Schienbeinen und Knien, rasen junge Menschen auf Hightech Sportgera\u0308ten, die sie nicht wirklich kontrollieren ko\u0308nnen u\u0308ber die Pisten. Befeuert von Jagertee, Obstler oder Tequilla, um das Schlafdefizit des Vorabends auszugleichen. Keine Woche vergeht ohne near missings, also Beinahezusammensto\u0308\u00dfe mit durchgeknallten Rasern. 1996 hat es mich erwischt. Auf der Gran Risa in den Dolomiten. Ein Freund hatte die Kontrolle u\u0308ber seine Ski verloren und mich bei voller Fahrt gerammt. Wa\u0308hrend meines Fluges in den Steilhang erwischte mich die Stahlkante eines Ski und schlitzte mir das Gesicht vom Mund bis hin zur Nase auf. Hinzu kamen Kieferscha\u0308den, Zahnverlust, 4 gebrochene Rippen und ein Lungenriss. Eine schnelle Bergung mit Abtransport im Heli und geniale Chirurgen im Bozener Universita\u0308tsklinikum retteten mir damals das Leben. Bis heute bekomme ich eine Ga\u0308nsehaut, wenn es auf der Piste eng wird. In den 30 Tagen, die ich jetzt hier bin, hat es vier von uns erwischt. Drei mal haben jugendliche Snowboarder Kollegen aus dem toten Winkel heraus umgema\u0308ht. Christine liegt noch immer mit komplizierten Bru\u0308chen und Lungenquetschung im Spital. Nur Archie, ein cooler achtzehnja\u0308hriger Schotte, der schon den argentinischen Skilehrerschein in der Tasche hat, ist selber schuld. Er bricht sich an seinem freien Tag beim Offroadfahren in unbekanntem Terrain den rechten Kno\u0308chel. Selten hat der Spruch dumm gelaufen so gut gepasst.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 15\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Zwei Schreckenszenarien verfolgen jeden Skilehrer bei der Ausu\u0308bung seiner Ta\u0308tigkeit. An erster Stelle rangiert natu\u0308rlich der Unfall. Ganz egal, ob man schuld ist oder nicht. Ein wohlmo\u0308glich schwer verletzter Gast ist ein absolutes no go. Es gibt Skilehrer, die nach einem solchen Erlebnis die Schuhe an den beru\u0308hmten Nagel ha\u0308ngen. Direkt danach kommt der Verlust von einem oder gar mehreren Schu\u0308lern. Das geht schneller als man denkt. Es empfiehlt sich also an jeder Kreuzung oder Abbiegung zu warten und durchzuza\u0308hlen.<\/p>\n<p>Bislang sind meine Schu\u0308ler von Verletzungen verschont geblieben. Allerdings musste ich zwischenzeitlich den Verlust eines Schu\u0308lers verkraften.<\/p>\n<p>Vulva, hie\u00df dieser 16ja\u0308hrige hoch aufgeschossene und milchgesichtige Springinsfeld, der zusammen mit seinen Eltern aus Moskau angereist war. Durch die plo\u0308tzliche Krankheit eines Kollegen musste ich einspringen und Nick, einem sportlichen, intelligenten 54(!)- ja\u0308hrigen Briten, den ich schon wa\u0308hrend der Ausbildung scha\u0308tzen gelernt habe, zur Seite stehen. Wa\u0308hrend er mit den Eltern und Vulvas Schwesterchen Natascha gemu\u0308tlich Sightseeing fa\u0308hrt, bin ich dazu auserkoren, Vulva zu begleiten. Viel mehr ist auch nicht drin. Denn Vulva fa\u0308hrt wie ein Mensch, der von klein an auf racen gelernt hatte und vollkommen angst- wie auch schmerzfrei ist. Der erkrankte Kollege war wohl a\u0308hnlich veranlagt und gute 30 Jahre ju\u0308nger als ich. Vulva rast los und ich habe Mu\u0308he ihm zu folgen. Wie die meisten Russen legt er keinen Wert auf Unterricht. Er will einfach jemanden, mit dem er um die Wette fahren kann. Als Ziel hat er den so genannten Funpark vorgeschlagen, der sich im weit entfernten Jochberg befindet. Ich bin noch nie da gewesen und nutze die Zeit im Sessellift, um die Route dorthin ausfindig zu machen.<\/p>\n<p>Als wir dort ankommen, stockt mir der Atem. Denn die Hauptattraktion der Anlage sind drei riesige in einander u\u0308bergehende Halfpipes. Ohne Zo\u0308gern fa\u0308hrt Vulva auf das ca. 3,50 Meter hohe Podest. Ich folge ihm und hoffe, dass er sich das Ganze angesichts der Furcht erregenden Perspektive noch einmal u\u0308berlegt. Schlie\u00dflich haben wir beide keine extrem kurzen Twin Tips unter den Fu\u0308\u00dfen. Ich will nicht als Hasenfu\u00df vor meinem Schu\u0308ler da stehen, nehme allen Mut zusammen und stu\u0308rze mich in die erste Halfpipe. Obwohl es nur ein paar Meter Durchmesser sind, ist der Katapulteffekt nach dem Auffifoahrn extrem. Ich schleudere unkontrolliert in die Ho\u0308he und bin u\u0308berglu\u0308cklich, als ich wie durch ein Wunder auf dem Scheitelpunkt der zweiten Pipe zum Stehen komme. Mein Blick geht zuru\u0308ck. Vulva sto\u0308\u00dft sich ab, schleudert in hohem Bogen an mir vorbei auf die dritte Pipe zu. Derma\u00dfen aufgeschaukelt haut es ihn aus der dritten Welle wie einen Sputnik in die Ho\u0308he. Es folgt ein weiter Flug, der sein unru\u0308hmliches Ende in dem gut zwanzig Meter entfernten Fangzaun findet. Wie eine Spinne im Netz bleibt er regungslos im orangeroten Kunststoffgeflecht<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 16\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>liegen. Als ich dort ankomme, bin ich auf das Schlimmste gefasst. Doch Vulva erhebt sich, schu\u0308ttelt sich kurz, lacht mich an und fa\u0308hrt schon wieder weiter Richtung Lift. Zum Glu\u0308ck la\u0308sst er es dabei bewenden und wir steuern die na\u0308chste schwarze Piste an. Ich sehne das Unterrichtsende herbei und falle Abends fix und fertig in meine Heia. Einen Tag noch und dann bin ich diesen Kamikazefahrer los!<\/p>\n<p>Am na\u0308chsten Morgen ist Vulva wie ausgewechselt. Schon im ersten Sessellift schla\u0308ft er, den Kopf auf den Schutzbu\u0308gel gebettet, vor Erscho\u0308pfung ein. Ich wei\u00df nicht, was er letzte Nacht getrieben hat, aber ich bin alles andere als unglu\u0308cklich u\u0308ber diesen unerwarteten Schwa\u0308cheanfall meines \u201eSchu\u0308lers\u201c. Schon nach einer halben Stunde bittet er mich um einen break und wir steuern eine Hu\u0308tte an. Mit verschwo\u0308rerischer Miene kramt er aus seinem Bogneranorak eine Packung Zigaretten hervor, flu\u0308stert secret und setzt den Zeigefinger vor seine Lippen. Ich nicke und freue mich auf die Zigarettenpause.<\/p>\n<p>Nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt haben, wa\u0308hle ich eine mittelschwere Abfahrt auf dem Pengelstein. Diesmal ist es Vulva, der Mu\u0308he hat mir zu folgen. Ich genie\u00dfe das Gefu\u0308hl, ihn endlich im Griff zu haben und lege noch einen Zahn zu. Als ich mich zwischendurch routinema\u0308\u00dfig nach ihm umschaue, ist er verschwunden. Ich warte. Und warte und warte. Als er nach einer gefu\u0308hlten Ewigkeit immer noch nicht um die Ecke kommt, ist mein erster GAU als Skilehrer perfekt. Mir bleibt nichts anderes u\u0308brig als zur na\u0308chsten Station abzufahren und u\u0308ber mein Skilehrerlehrerhandy Nick zu versta\u0308ndigen, der mit dem Rest der Familie unterwegs ist. Ich erkla\u0308re ihm kurz die Situation und nenne ihm meinen aktuellen Standort. Kurze Zeit spa\u0308ter ist er mit seiner Truppe zur Stelle. Vulvas Vater wu\u0308rdigt mich keines Blickes, nimmt u\u0308ber sein Handy Verbindung mit seinem verlorenen Sohn auf und gibt ihm unsere Position durch. Nachdem Vulva wieder zu uns gesto\u00dfen ist, erkla\u0308rt er die Situation. Nach einem Sturz hat er mich aus den Augen verloren und ist an der na\u0308chsten Kreuzung schlicht und einfach falsch abgebogen. Ich bin froh, dass mein Fauxpas keine ernsthaften Konsequenzen zeitigt und schwo\u0308re mir, nie wieder einen Gast aus den Augen zu verlieren. Natu\u0308rlich erhalte ich keine Kopeke Trinkgeld, wa\u0308hrend Nick reichlich bedacht wird.<\/p>\n<p>Das Thema Trinkgeld ist gerade fu\u0308r die so genannten Anwa\u0308rter von eminenter Bedeutung. Denn die regula\u0308re Entlohnung ist alles andere als u\u0308ppig. So ist man froh, wenn man sein Budget per Tipp aufbessern kann. Doch auch das will gelernt sein. Ich habe mich zwischenzeitlich darauf spezialisiert, meinen Ga\u0308sten einen tout comfort zu bieten. Zu diesem Zweck packe ich bei gutem Wetter grundsa\u0308tzlich meine schwere Nikon D 300 in den Rucksack und fotografiere meine Ga\u0308ste in traumhafter Umgebung. Zudem biete ich eine Videoanalyse an. Schlie\u00dflich lernen die Schu\u0308ler am besten, wenn sie mit eigenen Augen<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 17\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>sehen, dass die Schulter falsch steht oder sie mit zuviel Ru\u0308cklage unterwegs sind. Ein Skilehrer sollte sich nach meiner Auffassung auch nicht zu fein sein, einer erscho\u0308pften Dame die Ski zu tragen oder per Stock bei langen Ziehwegen oder Anstiegen Abschleppdienste zu leisten. Trotzdem. Man kann sich noch so bemu\u0308hen. Trinkgeld zu bekommen ist reiner Zufall und von vielen Faktoren abha\u0308ngig. So habe ich mir angewo\u0308hnt, grundsa\u0308tzlich nicht mit einem Extrasala\u0308r zu rechnen. Schlie\u00dflich ist Privat- oder Gruppenunterricht bei den Roten Teufeln nicht billig, aber auf jeden Fall seinen Preis wert. Au\u00dferdem ist die Freude u\u0308ber einen unerwarteten Zusatzverdienst dann um so gro\u0308\u00dfer.<\/p>\n<p>Mit der Zeit bekommt man ein Gefu\u0308hl fu\u0308r Ga\u0308ste, die per se spendabel sind und fu\u0308r diejenigen, die einen Igel in der Tasche spazieren fahren. Es gibt auch ein internes Nationenranking. Besonders genero\u0308s sind Russen, dicht gefolgt von O\u0308sterreichern und Deutschen, wobei die Schwaben hier eine Ausnahme bilden. Fast alle Ga\u0308ste spendieren ihrem Instructor das Mittagessen und auch beim gemeinsamen Apre\u0301s Ski mu\u0308ssen wir selten die Brieftasche zu\u0308cken. Doch die beste aller Entlohnungen ist die Freude u\u0308ber sichtbare Fortschritte und der herzliche, aufrichtige Dank beim Abschied.<\/p>\n<p>Die scho\u0308nsten Momente im Rahmen meiner Lehrta\u0308tigkeit am Berg habe ich einer sehr hu\u0308bschen 13ja\u0308hrigen Anfa\u0308ngerin namens Annabelle aus Berlin zu verdanken. Wa\u0308hrend ihr Vater und die a\u0308ltere Schwester einwandfrei Ski fahren, ist es fu\u0308r sie das allererste Mal. Entsprechend verhalten will sie die Sache angehen. Zudem ist sie zierlich gebaut und hat wie die meisten, die nicht das Glu\u0308ck hatten von klein auf diese vielleicht scho\u0308nste aller Sportarten zu erlernen, schlicht und einfach Angst vor den rutschenden Dingern. Das A und O im Unterrichten von Anfa\u0308ngern besteht deshalb auch darin, dieser Angst vom ersten Moment an die Grundlage zu entziehen und Freude am Gleiten zu vermitteln. Mut machen hei\u00dft die Devise. Du willst, du kannst und es ist viel einfacher als Du denkst. Geschwindigkeit ist dein Freund. Je langsamer, umso schwieriger. Der Schnee ist weich. Lass dich fallen! Nach dem Erkla\u0308ren und Demonstrieren der Basics \u2013 hier ist weniger tatsa\u0308chlich mehr \u2013 kommt es auf einer minimal geneigten Fla\u0308che zum ersten Erfolgserlebnis. Sie meistert auf Anhieb eine kontrollierte \u201eSchussfahrt\u201c. Hu\u0308ftbreite parallele Skistellung, leicht nach vorne gebeugt und tief in den Knien. Sie strahlt u\u0308bers ganze Gesicht. Nur zwei Stunden spa\u0308ter meistert meine talentierte Anfa\u0308ngerin ihren ersten Aufstieg per Ankerlift und kurvt, beobachtet vom stolzen Herrn Papa, kontrolliert den Hang hinunter. Als wir uns vier Tage spa\u0308ter verabschieden, ist aus der unsicheren Novizin aus dem Flachland eine selbstbewusste Skifahrerin geworden, die fortan bestimmt alles dafu\u0308r geben wird, mindestens einmal im Jahr u\u0308ber den Dingen zu stehen und ho\u0308chstes Glu\u0308ck zu empfinden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 18\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>An dieser Stelle einen Empfehlung an alle skibegeisterten Eltern, die ihren Spro\u0308sslingen das Skifoahn ho\u0308chstperso\u0308nlich beibringen wollen. Egal wie gut ihr fahren ko\u0308nnt, go\u0308nnt Eurem Nachwuchs einen Skilehrer. Schon deswegen, weil es in der Natur der Sache liegt, dass Kinder von \u201eFremden\u201c eher etwas annehmen und sich leichter tun, Empfehlungen oder Anweisungen zu respektieren. Zudem sind gute Skifahrer nicht zwangsla\u0308ufig gute Skilehrer, auch wenn sie sich das gerne einbilden. Nur Ausbildung schu\u0308tzt vor Einbildung! Ich kenne genug Fa\u0308lle von ehrgeizigen Mu\u0308ttern oder Va\u0308tern, die ihren eigentlich aufgeschlossenen und unvoreingenommenen Kindern binnen Stunden die natu\u0308rliche Begeisterung fu\u0308r das Skifahren gru\u0308ndlich ausgetrieben haben. Wer es dennoch versuchen will, dem sei nachfolgender Ratschlag ans Herz gelegt: Nehmt Eure Kinder niemals zwischen die Beine und vergesst Apparaturen, in denen die Kids eingeza\u0308umt wie Ackerga\u0308ule an der langen Leine gehalten werden. Das Urvertrauen muss selbst erworben werden. Von der sanft geneigten Mulde mit Gegenhang u\u0308ber den ersten Hu\u0308gel zum Berg. Immer step by step. Nur so werden kleine Anfa\u0308nger mit der Zeit zu gro\u00dfen Ko\u0308nnern.<\/p>\n<p>Ende Februar. Meine letzte Woche ist angebrochen und mein linker Fu\u00df hat sich nach sieben durchgearbeiteten Tagen so eindrucksvoll zuru\u0308ck gemeldet, dass ich notgedrungen zwei Tage Pause einlegen muss und Elvira Wallner, unserer kaufma\u0308nnischen Direktorin, meine Arbeitsunfa\u0308higkeitsbescheinigung u\u0308berreiche. Die Zeit nutze ich, um hoch oben auf der Hocheckhu\u0308tte sitzend, meine Reportage zu Ende zu schreiben. Ich beneide alle Kollegen, die den wei\u00dfen Rausch bis zum Saisonende ausleben ko\u0308nnen. Andererseits freue ich mich auf meinen kleinen Sohn Felix, meinen \u201ezweiten\u201c Beruf und natu\u0308rlich auf meine na\u0308chste Saison in Kitzbu\u0308hel. Zwischenzeitlich hatte ich neben den schon erwa\u0308hnten Ga\u0308sten noch eine famose Familie aus Athen, Constantin, einen 6ja\u0308hrigen Wunderla\u0308ufer aus Wien, drei Damen aus Frankfurt am Main und zum Abschluss eine ganze Woche drei junge Buben von der schwa\u0308bischen Alp. Jochen, Martin und Christoph hie\u00dfen diese Schwabenpfeile, die mich in ihrer Begeisterung fu\u0308r den Skisport an meine eigenen Anfa\u0308nge erinnerten. Das einzige Problem bestand darin, sie zu verstehen, denn sie schwa\u0308belten drauf los wie ihre Gosch gewachsen war.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch ein Wort zum Image unserer Zunft. Der gescha\u0308tzte Leser mo\u0308ge mir nachsehen, dass ich mich diesbezu\u0308glich in erster Linie mit dem ma\u0308nnlichen Exemplar des Skilehrers auseinandersetze. Denn auch diese ehemals maskuline Doma\u0308ne ist la\u0308ngst perdu und auf zwei ma\u0308nnliche kommt mittlerweile mindestens eine weibliche Teufelin. Das \u201eschwache Geschlecht\u201c macht also immer mehr Boden gut und die Damen stehen uns Ma\u0308nnern in punkto Ko\u0308nnen, Charme und Selbstbewusstsein in nichts nach.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Aber natu\u0308rlich gibt es ihn noch. Den Prototypen des Skilehrers, der u\u0308berzeugend jedes Klischee bedient. Trinkfest, bergerfahren, braungebrannt, ba\u0308renstark und immer auf der Jagd nach dem na\u0308chsten Skihaserl. Doch es sind auch immer mehr junge, aufgeschlossene und intelligente Menschen aus aller Herren La\u0308nder, denen es einen wahrhaft teuflischen Spa\u00df bereitet, ihre Mitmenschen fu\u0308r etwas zu begeistern, was uns alle eint: Na\u0308mlich die Alpen, eine der scho\u0308nsten Launen der Scho\u0308pfung, auf ganz besondere Art und Weise erfahren zu ko\u0308nnen und dabei elementare Werte wie Mut, Respekt, Harmonie, Verantwortung, Liebe und Leistung vorbildlich zu vermitteln. Schlie\u00dflich ist Skifoan des leibanste, was ma si nur vorsteuin ko&#8216;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMGS3717-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-190 size-large\" src=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMGS3717-1-1024x512.jpg\" alt=\"IMGS3717-1\" width=\"1024\" height=\"512\" srcset=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMGS3717-1-1024x512.jpg 1024w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMGS3717-1-300x150.jpg 300w, http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMGS3717-1.jpg 1936w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wa\u0308hrend sich die anderen weit unten formieren, fahren wir gegen 17 Uhr mit der Hahnenkammbahn auffi. Der Zufall will es, dass ich zusammen mit einem jungen englischen Erstspringer namens Bruno die Toni Sailer Gondel mit der Nr. 1 erwische. Wir betrachten das als gutes Omen. Oben angekommen geht\u2019s in die Hockeckhu\u0308tte, die sich etwas versteckt &hellip; <a href=\"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=189\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Roter Teufel (Letzter Teil) \u2013 Mein Leben zwischen Himmel und H\u00f6lle<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=189"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":194,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189\/revisions\/194"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}