{"id":98,"date":"2014-07-12T14:21:08","date_gmt":"2014-07-12T14:21:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=98"},"modified":"2015-02-18T20:49:21","modified_gmt":"2015-02-18T20:49:21","slug":"wir-sonntagskinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.xn--wortwrtlich-vfb.eu\/?p=98","title":{"rendered":"Wir Sonntagskinder"},"content":{"rendered":"<p>Sonntage halten selten, was sie versprechen. Schon als Kind verabscheute ich die erzwungene Sonntagsruhe mitsamt den verstaubten Ritualen. Den meisten Mitmenschen verd\u00fcsterte der unabwendbare Kaltstart in den nahenden Alltag die Seele. Oft hatte ich den Eindruck, dass ein Gro\u00dfteil der Erwachsenen, von den passionierten Sportlern und Lebensk\u00fcnstlern einmal abgesehen, schlicht nichts mit sich anzufangen wusste. Eine willkommene Ausnahme bildeten hingegen immer die Sonntage, an denen \u201ewir\u201c oder eine(r) von \u201euns\u201c in einem Finale stand(en). Sei es im Wasser, auf Asche, eisigen Pisten, hei\u00dfem Asphalt, federndem Parkett oder auf heiligem Rasen. So wie am 7. Juli 1974. Wir hatten uns ins Endspiel der Fu\u00dfballweltmeisterschaft im eigenen Land gek\u00e4mpft. Nun ging es unter dem Hightechgewebe des M\u00fcnchner Olympiastadions bei strahlendem Sonnenschein gegen die Niederlande. Alles andere als ein Sieg \u2013 das war schon vor Anpfiff der Partie klar \u2013 ging gar nicht. Als 14j\u00e4hriger spielte ich selbstverst\u00e4ndlich auch. Es gab f\u00fcr mich damals nichts Sch\u00f6neres, als mit der Nummer 1 auf dem R\u00fccken zwischen kantigen Vollholzpfosten hin- und her zu fliegen. Torh\u00fcter stehen im Mittelpunkt. Von ihren Reaktionen h\u00e4ngt es ab, ob Millionen Menschen aufatmen, aufst\u00f6hnen oder ausklinken. <\/p>\n<p>Eine Katze aus Anzing wurde an diesem Sonntag zum \u201eMan of the Match\u201c. In der dramatischen Schlussphase des Spiels hielt Nationalkeeper Sepp Maier unseren M\u00fcller-Vorsprung, indem er alle Geschosse, die von unentwegt anst\u00fcrmenden Holl\u00e4ndern auf unser Tor abgefeuert wurden, wahlweise festhielt, weg faustete oder anderswie unsch\u00e4dlich machte. Was deutschen Torm\u00e4nnern wie Hans Tilkowski acht Jahre zuvor, Toni Schumacher und Oliver Kahn 18 bzw. 28 Jahre sp\u00e4ter an finalen Sonntagen versagt blieb, geschah. Wir wurden Weltmeister und dieses Gef\u00fchl war neu und wunderbar. <\/p>\n<p>Morgen spielen wir wieder ein Finale. Nicht daheim, sondern weit weg im S\u00fcden. Da, wo wir vor wenigen Tagen noch das Mutterland des sch\u00f6nen und siegreichen Spiels vermuteten . Mein achtj\u00e4hriger Sohn Felix entdeckt zurzeit den Torwart in sich und fiebert diesem besonderen Sonntag genau so entgegen wie ich vor ziemlich genau 40 Jahren. Diesmal geht es gegen die Argentinier und \u2013 soviel steht jetzt schon fest \u2013 alles andere als ein Sieg geht gar nicht. Schlie\u00dflich steht ein Neuer im Tor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntage halten selten, was sie versprechen. Schon als Kind verabscheute ich die erzwungene Sonntagsruhe mitsamt den verstaubten Ritualen. Den meisten Mitmenschen verd\u00fcsterte der unabwendbare Kaltstart in den nahenden Alltag die Seele. 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