Rezensionen

Von der Freude am Führen

Speibl&Hurvinek

Mein Dejavue mit Spejbl und Hurvinek in der URANIA

Wer wie ich als Kind während der 60er Jahre in beiden Teilen Deutschlands unterwegs war, kann sich für den Rest seines Lebens glücklich schätzen. Schon deswegen, weil man im Idealfall das Beste aus zwei sehr unterschiedlichen Welten mit bekam. In Sachen Entertainment überzeugte beispielsweise die Hardware aus dem Westen, während die in kultureller Hinsicht außergewöhnlich hochwertige Software oft aus dem Osten kam, um anschließend im befreiten Sektor wertgeschätzt zu werden.

Konkret hieß unsere Playstation Schneewittchensarg und Kids waren „cool“, sobald sie in der Lage waren, so eine Mordsanlage eigenverantwortlich bedienen zu können. Statt Tausende von Tonträgern auf diversen Festplatten zu speichern, hatte jeder von uns ein gutes Dutzend feste Lieblingsplatten. Die ETERNA Platte mit den Stimmen von zwei im Ostblock tätigen Freaks mit außergewöhnlich großen Ohren gehörte dazu. Sie steckte in einem sehr schlicht gestalteten Cover auf dem „Spejbl und Hurvinek“ zu lesen war. Meine Geschwister und ich haben sie alle paar Wochen aufgelegt und uns jedes Mal aufs Neue weggelacht. Verdammt lang her.

Danach habe ich mehr als dreißig Jahre nichts mehr von den beiden gehört. Allerdings bin ich mir im Nachhinein absolut sicher, dass ich sie auf Anhieb wiedererkannt hätte. Allein der Ohren wegen. Dass der Sohn von Joseph Spejbl, also der Hurvinek schon damals eine Freundin namens Mánicka hatte, ihre Oma Katerina hieß und ein gewisser Jerry beiden gehorchte, weil er ihr Hund war, hat mir mein Gedächtnis zwischenzeitlich komplett durchgehen lassen.

Vorvorgestern kam es dann nicht nur zu einem Wiederhören, sondern zu meiner ersten Begegnung mit den weltberühmten Marionetten des tschechischen Puppenspielers Josef Skupa auf der großen Bühne der Berliner URANIA. Ein Umstand, den ich ursächlich meinem Sohn Felix verdanke.
Am Mittwochnachmittag der vergangenen Woche waren wir gerade dabei, die Grunewaldschule zu verlassen, als ich die Helden meiner Kindheit im Flur hängend erblickte und ihm die rhetorische Frage stellte, ob er die beiden Typen mit den gigantischen Ohren auf dem Poster da drüben schon mal irgendwo gesehen hätte. Die erwartete Antwort kam in Form eines Kopfschüttelns, während ich meinen Arm ausstreckte, um mir per iPhone ein genaues Bild von allem zu machen.

Dass die Vorstellung eventuell erst um 20 Uhr beginnen würde war mir genau so schnuppe wie die Tatsache, dass Felix das empfohlene Mindestalter von 12 Jahren um drei Jahre nach unten verfehlen würde. „Passt schon“ murmelte ich und versuchte vergeblich mir mein Alter beim Erstkontakt in Erinnerung zu rufen. Auch hoffte ich inständig, dass ich diesmal mehr Fortune haben würde als es beim letzten „Let me entertain you“ Versuch an Sylvester der Fall war. Denn nach einem relativ souveränen Start mit dem „Diner for One“ musste ich wenig später – nach gerade mal dreißig Minuten Laufzeit der Feuerzangenbowle – einigermaßen frustriert einsehen, dass weder ein vertrottelter Pauker mit Dampfmaschine noch der von Heinz Rühmann verkörperte „Pfeiffer mit drei f“ ausreichten, um meinem 2005 geborenen Pennäler in spe auch nur ein müdes Grinsen oder wenigstens ein anerkennendes „krass“ entlocken zu können.

Da eine der insgesamt vier Vorstellungen noch nicht ganz ausverkauft war, hatten wir Glück. Ich organisierte zwei Karten für die Spätvorstellung am folgenden Samstag. Zwei Tage später saßen wir mit dem Rücken zur Wand im Humboldt-Saal und ich war mindestens so gespannt wie mein Sohn. Dessen aktuell größte Sorge war es, womöglich „gleich nichts sehen zu können, wenn die vor uns doch noch kommen“. Ich betrachtete die Szene wachstumsbedingt zwar von höherem Niveau aus, bereute aber aufgrund der respektablen Entfernung zur Bühne kein Operglas dabei zu haben und ertappte mich dabei, über „pro“ und „contra“ einer Augenoperation nachzudenken. „Felix, der Ton macht hier die Musik“, hörte ich mich in dem Augenblick sagen als die bis dahin direkt vor uns frei gebliebenen Plätze doch noch ihre Besetzer fanden. Zwei wahre Riesen ließen sich nieder und nur das „Glück der letzten Reihe“ verhinderte den Rücksturz vom Multimediaspektakel zum schnöden Hörspiel. Also nahmen wir auf den hochgeklappten Lehnen „Platz“, da wir ja auf niemanden hinter uns Rücksicht nehmen mussten.

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Um es vorwegzunehmen: Selbst wenn wir nichts gesehen hätten, wären wir dennoch auf unsere Kosten gekommen! Die Kombination aus allwissendem, dozierenden Vater und provokant nachfragendem, wortgewitzten Sohn funktionierte damals schon und verfängt auch noch heute. Faszinierend wie Martin Klásek Spejbl und Hurvinek seine Stimme leiht, während Helena Stáchová kongenial Hurvineks Freundin Mánicka und Großmutter Katerina Gehör verschafft. Das visuelle Erleben ergänzte dieses leider endliche Vergnügen zusätzlich. So ließen uns die virtuosen Strippenzieher im Halbdunkeln manchmal fast vergessen, dass die Stars des Abends aus schlichtem Holz geschnitzt sind.

Dafür, dass die Dialoge abwechslungsreich rüberkamen und weder aufgesetzt noch ermüdend wirkten, sorgten gut getimte Pointen. Mal nüchtern ironisch dann wieder albern sarkastisch vorgetragen, nahmen sie Dinge aufs Korn, die offensichtlich Unsinn sind, aber für viele unter uns normal geworden sind. Auch erfuhren wir, dass der Plural von „Lebensgefahr“ „Lebensgefährten“ heißt und warum an der Liebe zu dritt besonders Rechtsanwälte Gefallen finden. Logisch, dass mein Filius nicht alle Doppeldeutigkeiten und Wortspielereien nachvollziehen konnte. Aber im Gegensatz zu den per TV oder Radio tagtäglich vermittelten Geschmacklosigkeiten, die uns Erziehenden hin und wieder die Schamesröte ins Gesicht treiben, hatte das Fremdschämen vor dem Nachwuchs hier keine Chance. Stattdessen gab es einfache, aber sehr humorvolle Ratschläge für die Stressbewältigung im Schulalltag. „Kann man eigentlich für etwas bestraft werden, das man gar nicht gemacht hat?“ fragte der meist komplett schmerzbefreite Hurvinek einmal die naive Mánicka. „Sicher nicht“, erwiderte diese treuherzig und lieferte ihm prompt das willkommene Argument dafür, in der Schule faul sein zu können, ohne eine Strafe fürchten zu müssen. Klar, dass sich mein Sohn diesen Spaß merkt!

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Kurz vor Schluss erfähert dieses ungewöhnliche Puppenspiel dann noch eine gesellschaftspolitisch interessante Wendung. Völlig überraschend geraten Vater und Sohn in eine mittelschwere Sinnkrise. Sie verfluchen ihre einseitige „Abhängigkeit“, beklagen, dass sie der „Führungsebene“ hilflos ausgeliefert sind und müssen erkennen, dass sie nur Marionetten eines Systems sind und als Holzköpfe kein Selbstbestimmungsrecht genießen. Sie schauen nach oben zu den Menschen, die sie wie Puppen ganz nach Lust und Laune tanzen lassen. Wurde eben noch gelacht und gescherzt, wird es jetzt merklich stiller im Auditorium. Zu stimmig sind die offenkundigen Parallelen zwischen Spiel und Wirklichkeit. „Wer nicht mitzieht oder sich in Widersprüchen verheddert“, gibt Spejbl seinem Sohn in ungewohnt melancholischer Tonlage zu verstehen, „wird heutzutage schneller fallen gelassen und gnadenlos abgehängt“. Daher sei es wichtig auf dem rechten Weg zu bleiben doziert er, um den folgenden Abgang der Generationen im militärisch inszenierten Rechts-Links-Rhythmus zu absolvieren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dann fällt der Vorhang. Lang anhaltender, großer Beifall brandet auf bevor die herrlich verrückte Zugabe in Form einer Rotkäppchengroteske endgültig eine Vorstellung beendet, wie wir sie uns schöner nicht hätten vorstellen können.

 

It´s just easy to get in touch

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LEXWARE bringt mit Büro Easy eine Software auf den Markt, die auch kreativen Geistern Büroarbeit schmackhaft macht

Meine erste Reaktion auf die Aufforderung zur Rezension einer Software zur besseren, weil weitestgehend automatisiert ablaufenden Büroorganisation, fiel verhalten aus. Für Künstler und/oder Kreative gibt es nämlich kaum etwas Schlimmeres als Büroarbeit. Sie kommt direkt nach Steuererklärung, Fahrtenbuch und Marktforschung. Schließlich sollen wir uns beispielsweise „neue“ Gedanken zu „Me too“ Produkten aus meist sattsam bekannten Kategorien oder zu mehr oder minder ähnlichen Dienstleitungen machen. Idealerweise so geschickt und charmant, dass die jeweilige Botschaft bei der ausgesuchten Zielgruppe ankommt und sich dort nachhaltig verfängt. Dafür braucht es einen freien Kopf, viel Muse und wenig Nerviges. Deswegen arbeiten in sehr guten Agenturen auch exzellente Berater, Buchhalter und Bürokräfte, die ihren Kreativen in Sachen „Alltag und Co.“ den Rücken freihalten, indem sie ihnen diese Dinge abnehmen. Weil sie wissen, dass deren ausgefallene Ideen und durchdachte Strategien meist die Grundlage dafür bilden, dass die Agentur Top-Kunden hat, was wiederum der Grund dafür ist, dass sie selbst einen gut dotierten Job haben.

Nun bin ich mittlerweile der Agenturszene entwachsen und schätze es, mehr Zeit zu haben und mein eigener Etatdirektor zu sein. Allerdings vermisse ich schmerzlich die gerade erwähnten helfenden Hände und muss mich notgedrungen mindestens einmal jährlich mit meinen „Office“ beschäftigen, weil ich immer noch auf kein „Back Office“ zurückgreifen kann. Dann folgen Tage des Zorns, des Suchens und Fluchens. Semper idem.

Während ich also die CD mit der Software namens „Büro Easy“ in den Schlitz meines Computers schiebe, keimt kurz so etwas wie Hoffnung auf einen „change to the better“ auf. Sehr kurz. Denn auf dem Screen meiner geliebten, ca. fünfzehn Jahre alten SchreIBMaschine (T 60) erscheint der frustrierende Hinwies, dass mein „verfügbarer Arbeitsspeicher“ nicht ausreicht, um das Programm zu starten! Muss also erst einen Buddy ranholen, der mir erklärt, dass meine 500 MB heutzutage ein Witz sind und mir eine Kiste hinstellt, die mit 2 GB Arbeitsspeicher die Minimalanforderungen für dieses Produkt erfüllt.

Von jetzt an geht’s bergauf. Mit der neuen Maschine kann ich schon nach wenigen Minuten die Basis für meine zukünftige Büroarbeit erstellen. Ein freundlicher und im späteren Verlauf der Sitzung unfassbar geduldiger sowie ungemein nachsichtiger Herr Richter erscheint auf dem Monitor und nimmt mich an seine virtuelle Hand. In einem moderaten Sprechtempo und mit angenehm temperierter Stimme erklärt er mir „step by step“ die Vorgehensweise. Nun sollte der geneigte Leser wissen, dass ich zu der Sorte von Menschen gehöre, die sich ungern einordnen und/oder auf die Schnelle vereinnahmen lassen. Ich habe auch etwas was gegen 08/15 Schemata und komme deswegen schon mal schnell in den Harnisch und schimpfe los wie ein Rohrspatz.

Doch die Programmierer(innen) und Macher von Herrn Richter haben offensichtlich wirklich an das, was umsichtige Büroarbeit ausmacht, gedacht und alles tatsächlich so einfach wie möglich gemacht. Die nötigen Formulare wie Angebote, Rechnungen und viele mehr stehen genauso schnell zur Verfügung wie die automatische Buchhaltung mit integrierter Belegerfassung, Auswertungsverfahren, Mahnwesen und sicherer Durchleitung zum Finanzamt. Schon nach fünfzehn Minuten ahne ich, dass die Qualen der letzten Jahre nun ein Ende haben und die verhasste Büroarbeit ein ganzes Stück weit leichter werden wird. LEXWARE hat mit „Büro Easy“ keinen Euphemismus bemüht, sondern einen Büroleiter erschaffen, der für relativ kleines Geld große Arbeitserleichterungen realisiert. Allerdings wäre mir eine „Frau Richter“ noch lieber gewesen, aber das kriegen die demnächst vielleicht auch noch hin.

 

BILD Dir das bloß nicht ein! Warum Leser plötzlich für etwas bezahlen sollen, das bisher schon nichts wert war.

Wer schreibt, sollte auch lesen. Nicht nur Romane, Gedichte, Essays sowie ausgewählte Fach- und Sachbücher. Sondern auch das, was tagtäglich in Zeitungen, Magazinen oder im Internet geschrieben wird. Wie die meisten meiner Freunde eröffne ich die Lesewoche gerne mir einem ausgiebigen Blick in den papiernen SPIEGEL, der mich für den Rest der Woche dann auch online auf dem Laufenden hält. Einen guten Grund dafür, den Monitor auszuschalten, gibt es am Donnerstag. Denn dann erscheint die ZEIT. Wohl dem, der sie hat. Der Freitag liegt fest in der Hand der Süddeutschen Zeitung (SZ), die auch Dank ihres fast immer brillant gestalteten und geschriebenen Magazins zu begeistern weiß. Das Wochenende dominiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Ein Blatt, das man am Liebsten gebügelt auf Damast lesen würde. Hier schreiben “edle Federn”, die im Feuilleton kein Blättchen vor den Mund nehmen und den Eindruck vermitteln, dass sie an ihren Texten wirklich gearbeitet haben. So weit, so schön.

Kommen wir von den gesäumten Alleen des Qualitätsjournalismus auf den sprachlich verwahrlosten Boulevard. Wer mitreden will, liest auch, was weh tut. Also bilde ich mir ab und zu auch eine Meinung darüber, was sich rund 17 Millionen Deutsche tagtäglich zumuten. Natürlich ist diese “Daily Picture Horror Show” namens BILD mir keinen Cent wert. Schließlich sorgt eine gut eingespielte Vertriebsmaschine dafür, dass ein mit offenen Augen durch die deutsche Wirklichkeit spazierender Mensch diesem Machwerk kaum entkommen kann. Ob in gutbürgerlichen Cafes, verwahrlosten U-Bahn Wagons, auf dem Flughafen oder beim Friseur. Überall liegt diese tumbe Mischung aus kruder Sensationsgier, perfide eingestreuter Angstmache und Volksverkaufe herum. Was nichts kostet, ist meist auch nichts wert. Besonders professionell sind die BILD Macher im peinlichen Vorführen von Menschen, die dieser grotesk aufgeblähten, propagandistisch angelegten Neuronenbombe oft nichts entgegen zu setzen haben. Wohl gemerkt, hier ist nicht die Rede, von denen die sich den Bild-Machern andienen und glauben, damit etwas dazu verdienen zu können. Deren Rechnung geht meist eh´ nicht auf. Denn zwischen “Hosianna” und “Kreuziget ihn”, liegen bei BILD oft nur Wochen. Man baut Personen des öffentlichen Lebens so lang auf, bis sie eine Fallhöhe erreichen, die ihren früher oder später einkalkulierten Absturz umso schadenfreudiger inszenieren lässt. Ich meine Menschen, die nicht einmal ahnen, dass der zufällige oder von Reportern eingefädelte Kontakt mit BILD dazu führen kann, dass ihr Leben plötzlich ungewollt aus dem Rahmen fällt. Worüber Verlegerin oder Chefredakteur noch nicht einmal in Verlegenheit kommen. Schließlich ist das BILD Universum ja unmöglich zu überschauen. Denn da sind ja die harmlosen BILD Klone wie Auto BILD, Computer BILD oder Sport BILD. Sie lassen einen gefährlich schnell vergessen, dass die Mutter gut gewachsener und vermeintlich wohl erzogener Töchter schon immer eine einzige publizistische Missgeburt war.

Doch es gibt Hoffnung. So hat der FAS Journalist Stefan Niggemeier in seinem lesenswerten Artikel “Mit Bild in einem Boot” recherchiert, dass “die Bereitschaft, für eine gedruckte BILD zu zahlen” seit 15 Jahren erheblich nachlässt. Von 4,5 Millionen auf 2,5 Millionen ist die Auflage in dieser Zeit gesunken. Genau deswegen wollen die Verlagsoberen jetzt BILD online zum Money-Spinner mutieren lassen. Unter der Bezeichnung “BILD plus” sollen Online-Leser hierzulande mit Wirkung vom 11. Juni an dafür sorgen, dass BILD auf lange Sicht nicht ins Minus kommt. Wenn sie sich da mal nicht verrechnen. Denn hoffentlich merken immer mehr Menschen in dieser Republik, dass BILD weder bildet noch bereichert. Hoffentlich spüren immer mehr Menschen, dass BILD nicht Eintracht, sondern Zwietracht sät. Und hoffentlich lassen immer mehr Leser die BILD – ob gedruckt oder online – einfach links liegen, weil sie erkennen, dass ein Tag ohne sie bildschöne Alternativen bietet.