Von der Freude am Führen

20 Jan 2015

Speibl&Hurvinek

Mein Dejavue mit Spejbl und Hurvinek in der URANIA

Wer wie ich als Kind während der 60er Jahre in beiden Teilen Deutschlands unterwegs war, kann sich für den Rest seines Lebens glücklich schätzen. Schon deswegen, weil man im Idealfall das Beste aus zwei sehr unterschiedlichen Welten mit bekam. In Sachen Entertainment überzeugte beispielsweise die Hardware aus dem Westen, während die in kultureller Hinsicht außergewöhnlich hochwertige Software oft aus dem Osten kam, um anschließend im befreiten Sektor wertgeschätzt zu werden.

Konkret hieß unsere Playstation Schneewittchensarg und Kids waren „cool“, sobald sie in der Lage waren, so eine Mordsanlage eigenverantwortlich bedienen zu können. Statt Tausende von Tonträgern auf diversen Festplatten zu speichern, hatte jeder von uns ein gutes Dutzend feste Lieblingsplatten. Die ETERNA Platte mit den Stimmen von zwei im Ostblock tätigen Freaks mit außergewöhnlich großen Ohren gehörte dazu. Sie steckte in einem sehr schlicht gestalteten Cover auf dem „Spejbl und Hurvinek“ zu lesen war. Meine Geschwister und ich haben sie alle paar Wochen aufgelegt und uns jedes Mal aufs Neue weggelacht. Verdammt lang her.

Danach habe ich mehr als dreißig Jahre nichts mehr von den beiden gehört. Allerdings bin ich mir im Nachhinein absolut sicher, dass ich sie auf Anhieb wiedererkannt hätte. Allein der Ohren wegen. Dass der Sohn von Joseph Spejbl, also der Hurvinek schon damals eine Freundin namens Mánicka hatte, ihre Oma Katerina hieß und ein gewisser Jerry beiden gehorchte, weil er ihr Hund war, hat mir mein Gedächtnis zwischenzeitlich komplett durchgehen lassen.

Vorvorgestern kam es dann nicht nur zu einem Wiederhören, sondern zu meiner ersten Begegnung mit den weltberühmten Marionetten des tschechischen Puppenspielers Josef Skupa auf der großen Bühne der Berliner URANIA. Ein Umstand, den ich ursächlich meinem Sohn Felix verdanke.
Am Mittwochnachmittag der vergangenen Woche waren wir gerade dabei, die Grunewaldschule zu verlassen, als ich die Helden meiner Kindheit im Flur hängend erblickte und ihm die rhetorische Frage stellte, ob er die beiden Typen mit den gigantischen Ohren auf dem Poster da drüben schon mal irgendwo gesehen hätte. Die erwartete Antwort kam in Form eines Kopfschüttelns, während ich meinen Arm ausstreckte, um mir per iPhone ein genaues Bild von allem zu machen.

Dass die Vorstellung eventuell erst um 20 Uhr beginnen würde war mir genau so schnuppe wie die Tatsache, dass Felix das empfohlene Mindestalter von 12 Jahren um drei Jahre nach unten verfehlen würde. „Passt schon“ murmelte ich und versuchte vergeblich mir mein Alter beim Erstkontakt in Erinnerung zu rufen. Auch hoffte ich inständig, dass ich diesmal mehr Fortune haben würde als es beim letzten „Let me entertain you“ Versuch an Sylvester der Fall war. Denn nach einem relativ souveränen Start mit dem „Diner for One“ musste ich wenig später – nach gerade mal dreißig Minuten Laufzeit der Feuerzangenbowle – einigermaßen frustriert einsehen, dass weder ein vertrottelter Pauker mit Dampfmaschine noch der von Heinz Rühmann verkörperte „Pfeiffer mit drei f“ ausreichten, um meinem 2005 geborenen Pennäler in spe auch nur ein müdes Grinsen oder wenigstens ein anerkennendes „krass“ entlocken zu können.

Da eine der insgesamt vier Vorstellungen noch nicht ganz ausverkauft war, hatten wir Glück. Ich organisierte zwei Karten für die Spätvorstellung am folgenden Samstag. Zwei Tage später saßen wir mit dem Rücken zur Wand im Humboldt-Saal und ich war mindestens so gespannt wie mein Sohn. Dessen aktuell größte Sorge war es, womöglich „gleich nichts sehen zu können, wenn die vor uns doch noch kommen“. Ich betrachtete die Szene wachstumsbedingt zwar von höherem Niveau aus, bereute aber aufgrund der respektablen Entfernung zur Bühne kein Operglas dabei zu haben und ertappte mich dabei, über „pro“ und „contra“ einer Augenoperation nachzudenken. „Felix, der Ton macht hier die Musik“, hörte ich mich in dem Augenblick sagen als die bis dahin direkt vor uns frei gebliebenen Plätze doch noch ihre Besetzer fanden. Zwei wahre Riesen ließen sich nieder und nur das „Glück der letzten Reihe“ verhinderte den Rücksturz vom Multimediaspektakel zum schnöden Hörspiel. Also nahmen wir auf den hochgeklappten Lehnen „Platz“, da wir ja auf niemanden hinter uns Rücksicht nehmen mussten.

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Um es vorwegzunehmen: Selbst wenn wir nichts gesehen hätten, wären wir dennoch auf unsere Kosten gekommen! Die Kombination aus allwissendem, dozierenden Vater und provokant nachfragendem, wortgewitzten Sohn funktionierte damals schon und verfängt auch noch heute. Faszinierend wie Martin Klásek Spejbl und Hurvinek seine Stimme leiht, während Helena Stáchová kongenial Hurvineks Freundin Mánicka und Großmutter Katerina Gehör verschafft. Das visuelle Erleben ergänzte dieses leider endliche Vergnügen zusätzlich. So ließen uns die virtuosen Strippenzieher im Halbdunkeln manchmal fast vergessen, dass die Stars des Abends aus schlichtem Holz geschnitzt sind.

Dafür, dass die Dialoge abwechslungsreich rüberkamen und weder aufgesetzt noch ermüdend wirkten, sorgten gut getimte Pointen. Mal nüchtern ironisch dann wieder albern sarkastisch vorgetragen, nahmen sie Dinge aufs Korn, die offensichtlich Unsinn sind, aber für viele unter uns normal geworden sind. Auch erfuhren wir, dass der Plural von „Lebensgefahr“ „Lebensgefährten“ heißt und warum an der Liebe zu dritt besonders Rechtsanwälte Gefallen finden. Logisch, dass mein Filius nicht alle Doppeldeutigkeiten und Wortspielereien nachvollziehen konnte. Aber im Gegensatz zu den per TV oder Radio tagtäglich vermittelten Geschmacklosigkeiten, die uns Erziehenden hin und wieder die Schamesröte ins Gesicht treiben, hatte das Fremdschämen vor dem Nachwuchs hier keine Chance. Stattdessen gab es einfache, aber sehr humorvolle Ratschläge für die Stressbewältigung im Schulalltag. „Kann man eigentlich für etwas bestraft werden, das man gar nicht gemacht hat?“ fragte der meist komplett schmerzbefreite Hurvinek einmal die naive Mánicka. „Sicher nicht“, erwiderte diese treuherzig und lieferte ihm prompt das willkommene Argument dafür, in der Schule faul sein zu können, ohne eine Strafe fürchten zu müssen. Klar, dass sich mein Sohn diesen Spaß merkt!

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Kurz vor Schluss erfähert dieses ungewöhnliche Puppenspiel dann noch eine gesellschaftspolitisch interessante Wendung. Völlig überraschend geraten Vater und Sohn in eine mittelschwere Sinnkrise. Sie verfluchen ihre einseitige „Abhängigkeit“, beklagen, dass sie der „Führungsebene“ hilflos ausgeliefert sind und müssen erkennen, dass sie nur Marionetten eines Systems sind und als Holzköpfe kein Selbstbestimmungsrecht genießen. Sie schauen nach oben zu den Menschen, die sie wie Puppen ganz nach Lust und Laune tanzen lassen. Wurde eben noch gelacht und gescherzt, wird es jetzt merklich stiller im Auditorium. Zu stimmig sind die offenkundigen Parallelen zwischen Spiel und Wirklichkeit. „Wer nicht mitzieht oder sich in Widersprüchen verheddert“, gibt Spejbl seinem Sohn in ungewohnt melancholischer Tonlage zu verstehen, „wird heutzutage schneller fallen gelassen und gnadenlos abgehängt“. Daher sei es wichtig auf dem rechten Weg zu bleiben doziert er, um den folgenden Abgang der Generationen im militärisch inszenierten Rechts-Links-Rhythmus zu absolvieren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dann fällt der Vorhang. Lang anhaltender, großer Beifall brandet auf bevor die herrlich verrückte Zugabe in Form einer Rotkäppchengroteske endgültig eine Vorstellung beendet, wie wir sie uns schöner nicht hätten vorstellen können.

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admin_mor

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